Amazonas-Regenwald: Feuer prägte die Landschaft über 10.000 Jahre

Die Vorstellung eines unberührten Amazonas-Regenwaldes, der bis zur Ankunft der Europäer in einem statischen Naturzustand verharrte, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Eine im Fachjournal Frontiers of Biogeography veröffentlichte Rekonstruktion belegt, dass die Region in den letzten 10.000 Jahren massiv anthropogen geprägt wurde. Das zentrale Instrument dieser Landschaftsgestaltung war das Feuer.

Methodik der Brandhistorie: Datenbasis und Validierung

Um die zeitliche Abfolge und räumliche Ausbreitung der Brände zu bestimmen, analysierten die Forscher insgesamt 1.361 Radiokarbondatierungen. Die Daten stammen von 303 verschiedenen Standorten. Dabei kamen zwei primäre Quellen zum Einsatz: Holzkohlereste aus Bodenprofilen sowie archäologische Funde.

Die Untersuchung erlaubt eine klare Trennung zwischen natürlichen und menschengemachten Brandereignissen. In den feuchten Waldgebieten waren Brände vor der menschlichen Besiedlung extrem selten. Beispielhaft hierfür sind Bohrkerne aus Campo Libre in den Anden, die über einen Zeitraum von 30.000 Jahren vor Beginn der menschlichen Aktivität keinerlei Anzeichen von Feuer aufweisen.

Die Rekonstruktion der anthropogenen Einflussphasen zeigt eine progressive Ausbreitung des Feuereinsatzes:

Zeitraum (vor heute) Geografie und Charakter der Brandnutzung
10.000 — 6.000 Jahre Begrenzte Nutzung, primär an Flussufern und in den Randbereichen des Beckens.
6.000 — 4.000 Jahre Starker Anstieg der Brandereignisse, korrelierend mit dem Aufkommen erster Maiskulturen.
3.000 — 2.000 Jahre Vordringen des Feuers in das Zentrum des Beckens; Transformation des Kernwaldes.

Ökologische Folgen und die "Terra Preta"

Das Feuer wurde gezielt als Werkzeug zur Landnutzung eingesetzt: zur Rodung von Flächen, zur Anlage von Hochbeeten und zur Errichtung von Fischfallen. Ein wesentlicher Aspekt war die bewusste Schaffung der sogenannten "Terra Preta" — extrem fruchtbarer, anthropogener Schwarzerde.

Dieser über zwei Jahrtausende andauernde "pyrogeografische" Druck führte zu einer dauerhaften Veränderung der Biodiversität. Pflanzenarten, die nicht feuerresistent waren, wurden durch robustere Arten verdrängt, beispielsweise durch bestimmte Palmenarten. Die heutige Vegetationsstruktur des Amazonas ist somit kein reines Naturprodukt, sondern das Ergebnis dieser langfristigen Steuerung.

Kollaps des Systems und moderne Branddynamik

Die Phase der großflächigen anthropogenen Brandsteuerung endete vor etwa 600 bis 700 Jahren, als die indigene Bevölkerung begann, Gebiete zu verlassen. Nach 1541 verschärfte sich die Situation durch Kolonialisierung, Kriege und Epidemien, die bis zu 95 Prozent der lokalen Bevölkerung auslöschten. Der Verlust der kontrollierten Brandnutzung führte zu einer massiven natürlichen Wiederbewaldung, was laut einigen Modellen globale Auswirkungen auf das Klima gehabt haben könnte.

Die Forscher ziehen eine scharfe Grenze zwischen diesen antiken Praktiken und den heutigen Waldbränden. Während die frühen Bewohner das Feuer als Instrument für ein punktuelles Landschaftsmanagement nutzten, dienen heutige Brandrodungen der großflächigen Gewinnung von Weide- und Ackerland. Diese modernen Methoden sind destruktiv und weisen keine funktionale Verbindung zu den traditionellen Managementstrategien der Vergangenheit auf.

Quelle: Dieser Artikel wurde auf Grundlage einer russischsprachigen Originalveröffentlichung von Pravda. Ru erstellt.

Author`s name Maxim Wetrow
Korrespondent bei Pravda.Ru, ein vielseitiger Journalist, der breit gefächerte Nachrichten für die deutsche Ausgabe der Website verfasst.
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